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Bischof Franz-Josef Bode
"Nehme die Schuld der Gemeinde mit"

Wegen des Missbrauchsskandals hat Osnabrücks katholischer Bischof Franz-Josef Bode Buße getan. Worin sich sein Engagement begründet - und was es mit der Sünde der Kirche auf sich hat.

"Wer von Angesicht zu Angesicht mit den Opfern gesprochen hat, weiß: Diese Schädigung berührt ein ganzes Leben":

taz: Herr Bode, manche vermuten hinter Ihrer Buße wegen des Missbrauchsskandals persönlichen Ehrgeiz.

Franz-Josef Bode: Nein, das war kein persönlicher Ehrgeiz. Das kann nur behaupten, wer nicht mitbekommen hat, wie sehr wir das im Vorfeld überlegt und abgewogen haben. Die Frage war bei einer Klausurtagung der Gremien des Bistums zur Sprache gekommen. Dort ist der Beschluss gefasst worden, das zu tun - noch bevor die Bischofskonferenz es für sich in Erwägung gezogen hat …

taz:… und im September beschlossen. Sie waren also der Erste.

Ich habe darüber im Vorfeld mit vielen - auch mit anderen Bischöfen - gesprochen und bin darin bestärkt worden. Mir scheint dieser Akt im überschaubaren Bereich eines Bistums, also für das, was ich selbst nennen und verantworten kann, wegen der Nähe besonders wirksam. Die große Mehrheit der Menschen hat das auch völlig richtig verstanden. Das alles widerspricht nicht dem Vorhaben der ganzen Konferenz.

taz: Die Niederwerfung vorm Kreuz am 1. Advent war eine medienwirksame Geste - ein Bild, das, wie der Publizist Alexander Kissler schreibt, über 2010 hinaus bleibt.

Es ist vor allem eine liturgische Form, die für den Karfreitag vorgesehen ist. Sie bedeutet, sich Gott vollständig hinzuhalten. Das ist auch anders, als bei der Weihe …

taz:… weil dabei ein Bischof die Priester-Anwärter aufrichtet?

Vor allem, weil dabei auch die Litanei gesungen wird: "Wir stellen uns Gott zur Verfügung" - so ist es da gemeint. In der Karfreitagsliturgie geschieht die Prostratio, also die Niederwerfung, in Stille. So war es auch bei der Bußandacht.

taz: Spitzfindig wurde argumentiert, so büße jeder Kirchgänger mit - vom Täter über die Unbeteiligten bis hin zum Opfer.

Das ist aber nicht richtig. Wir haben die Prostratio bewusst nicht mit dem Bußgebet verknüpft, sondern sie, wie in der Karfreitagsliturgie, an den Anfang gestellt. Das Andere ist: Ich habe diesen Akt allein vollzogen und nicht als private, sondern als Amtsperson. Dabei nehme ich die Schuld der Gemeinde, der Kirche mit. Ich hätte niemals erwartet, dass jemand, der diesen Gottesdienst besucht, den Akt als Aufruf zur persönlichen Buße versteht. Es ging bei dieser Andacht auch nicht so sehr um eine Entschuldigung vor den Opfern.

taz: Sondern?

Es ging darum, die "eigen-artige" Verknüpfung von Struktur und Einzeltat, von Schuld, die wir daran haben, als Kirche vor Gott zu tragen.

taz: Bei der Andacht haben Sie sogar von ihrer "strukturellen Sünde" gesprochen.

Die Kirche besteht aus lebendigen Menschen, also aus Heiligen und aus Sündern. Deshalb haftet ihr die Sünde eng an. In diesem Sinn gibt es Sünde der Kirche.

taz: Also ist sie doch nicht heilig?

Etwas ganz unzerstörbar Heiliges bleibt in ihr auch bei der engsten Verhaftung in Sünde. Weil in Kirche Göttliches und Menschliches, wie das Konzil sagt, so eng miteinander verbunden ist, haftet ihr die Sünde in ihren Personen an.

taz: Und diese strukturelle Sünde ist der Zölibat, also die Ehelosigkeit ihrer Priester?

Nein, darauf beziehe ich das nicht, es sei denn, wenn wir in der Auswahl derer, die diese Lebensform wählen, nicht genügend wachsam waren. Oder nicht genügend darauf geachtet haben, wie sie dahin geführt werden. Es geht mehr um eine Gesamtatmosphäre.

taz: Das heißt?

Wenn beispielsweise das Priesteramt so hoch stilisiert ist, dass man es gar nicht mehr anfragen kann, wenn Sexualität so weit tabuisiert wird, dass man darüber nicht einmal mehr reden kann, und wenn das Ansehen der Kirche wichtiger ist als das Leid der Opfer, dann kann das ein Klima hervorrufen, in dem Dinge wie Missbrauch eher gedeihen können. Die meisten der Fälle haben sich in einer Zeit ereignet, in der das gesamte Gefüge von Kirche sehr eng war. Das kommt ja vielleicht nicht ganz von Ungefähr.

taz: Warum engagieren gerade Sie - und Ihr Bistum - sich bei dem Thema so stark?

Ich habe im vergangenen Jahr in Gesprächen mit Opfern die Erfahrung gemacht, was das eigentlich bedeutet. Wir hatten früher den Blick mehr auf die Täter gerichtet - darauf, wie man einen Weg für die finden kann und für die Kirche.

taz: Um deren Fassade willen?

Nicht nur um der Fassade willen. Auch, weil wir die Problematik nicht ganz erkannt haben.

taz: Inwiefern?

Man hat angenommen, dass man jemanden, der sich vergangen hat, durch intensive geistliche Übung und psychologische Begleitung soweit therapieren kann, dass ein Einsatz wieder möglich ist.

taz: Auch im Unterricht, bei SchülerInnen?

Es gab psychologische Gutachten, die auch diesen Einsatz für möglich hielten. Ich will damit keinesfalls etwas beschönigen oder runterspielen. Man ist aber in der Gesellschaft insgesamt damit in der Vergangenheit anders umgegangen. Und hat vielleicht dadurch die Komplexität des Ganzen nicht wahrgenommen. Zumal wir die Opfer nicht genug im Blick gehabt haben.

taz: Warum?

Auch, weil sie sich oft nicht gemeldet haben. Viele haben es erst aufgrund der Veröffentlichungen der letzten Zeit gewagt, sich auszusprechen. Wer aber von Angesicht zu Angesicht ein solches Gespräch erlebt hat, weiß: Die Präsenz, mit der das oft nach mehr als 30 Jahren vorgetragen wird, ist enorm. Und die Schädigung berührt ein ganzes Leben.

taz: Dann stellt sich die Frage nach Entschädigung.

Wir haben in dieser Frage einen Vorschlag an den Runden Tisch gegeben, auch weil wir der Meinung sind, dass wir das insgesamt besprechen müssen, nicht nur von Seiten der Kirche.

taz: Die Therapiekosten wären ein Anhaltspunkt.

Therapien machen Kosten, das ist richtig. In ganz konkreten Fällen können wir damit sicher helfen. Ich denke allerdings, dass man mit dieser Frage sehr differenziert umgehen muss und nicht irgendwelche Summen in den Raum stellen kann.

taz: Weil sich Leiden schwer in Euro beziffern lässt?

Das ist genau das Problem. Eine Entschädigung kann immer nur symbolischen Wert haben. Sie kann auch aussehen, als wollte man sich mit Geld freikaufen. Auch die Opferverbände sagen uns: Nur ja nicht nur mit Geld. Aber eben auch nicht ganz ohne Geld. Wichtiger jedoch scheint mir ein Anerkennen dessen, was da geschehen ist, ein Ernst-Nehmen und eine Gesprächsbereitschaft darüber - auch wenn es bei den Betroffenen immer wider hochkommt, auch wenn der Einzelne damit nie fertig wird. Wir dürfen das nicht abtun. Und wir müssen ein hohes Augenmerk darauf haben, wie wir so etwas in Zukunft möglichst verhindern können.

taz: Geht es nicht darum, so etwas völlig auszuschließen?

Ganz wird es sich nicht verhindern lassen, weil es immer auch Strukturen des einzelnen Menschen sind, die vorher nicht zu erkennen sind. Aber was wir dazu beitragen können, das wollen wir tun.

taz: Reichen dafür denn die Selbstheilungskräfte? An der Spitze des kirchenrechtlich entscheidenden Gremiums steht mit Kardinal William Levada ein Mann, der sich als Erzbischof von San Francisco einen Ruf als Vertuscher erworben hat.

Auch wenn die Fälle kirchenrechtlich behandelt werden, wird die weltliche Gerichtsbarkeit nicht übergangen, wenn sie strafrechtlich bedeutsam sind. Das ist ein großes Thema auch in den von der Bischofskonferenz beschlossenen neuen Leitlinien, wie mit Missbrauch umzugehen ist. Die sind sehr gut durchdacht, ebenso wie die Rahmenbedingungen für Prävention. Wichtig ist nun, wie wir in der Kirche miteinander umgehen - Männer und Frauen, Geistliche und Laien -und, dass Kirche sich nicht länger als geschlossenes System versteht, sondern sich im Dialog mit dem Außen befindet.

taz: Tut sie das?

Ja. Wir haben verstanden, dass wir Experten von außen hinzuziehen müssen. Und gerade die Leitlinien sind ein gutes Beispiel dafür. Sie sind im Dialog mit Juristen und Psychologen, mit Humanwissenschaftlern, Sozialwissenschaftlern und Opferschutzverbänden entstanden. Und das wünsche ich mir auch für die Zukunft, dass wir viele unserer Fragen in einem solchen Gespräch mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften angehen. Da haben wir eine Menge gelernt.

INTERVIEW: BENNO SCHIRRMEISTER

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